Ohnmacht - wenn wir nicht mehr weiter wissen…

Neulich las ich einen Text zum Thema Ohnmacht.
Beschäftigt hat mich, die Frage:

Wann warst du das letzte mal am Ende deines Lateins und wie hast du darauf reagiert?

Wie oft kommen wir in Situationen, in welchen wir nicht weiter wissen, oder es meinen zu wissen, aber mein Gegenüber (Partner, Kollege, Familie, Freund) reagiert ganz und gar nicht so, wie ich das gerne hätte…

Es stellt sich ein Gefühl ein, in dem wir fast ein bisschen Handlungsunfähig scheinen - aber sind wir das auch?

Ich sehe eine Verbindung zwischen Ohnmacht und Vertrauen. Wenn wir in dem Zustand einer Ohnmacht, also eines „nicht-weiter-wissens“ sind, kann es helfen, zu vertrauen. Dem Leben, dem Universum.

Aber was, wenn wir dies nicht gelernt haben, wenn es uns einfach nicht gelingen will, auch in schwierigen Situationen den Mut nicht zu verlieren?

Hier entsteht oft Angst.

Ohnmacht auszuhalten, ist nicht leicht. Wir möchten Lösungen finden, Dinge klären und Situationen beeinflussen können. Wir möchten verstehen, warum etwas geschieht, und am liebsten gleich wissen, wie es weitergeht.

Besonders deutlich wird das in unseren Beziehungen.

Wir wünschen uns, dass unser Partner uns versteht, dass er unsere Bedürfnisse erkennt oder “endlich” etwas verändert, das uns schon lange belastet. Wir erklären, diskutieren, argumentieren und versuchen vielleicht immer wieder, den anderen von unserer Sichtweise zu überzeugen.

Und manchmal passiert trotzdem nichts.

Der andere bleibt bei seiner Meinung. Er zieht sich zurück. Reagiert anders, als wir es erwarten, oder kann uns einfach nicht das geben, was wir gerade so dringend brauchen.

Was dann?

Vielleicht versuchen wir, noch mehr zu tun. Vielleicht werden wir laut, ziehen uns zurück oder geben irgendwann erschöpft auf. Manchmal kämpfen wir so sehr gegen das Gefühl der Ohnmacht an, dass wir dabei den Blick für das verlieren, was wir tatsächlich beeinflussen können.

Denn so schwer es auch ist:

Wir können einen anderen Menschen nicht dazu bringen, anders zu fühlen, zu denken oder zu handeln.

Wichtig hier ist aber, dass es nicht bedeutet, dass wir alles hinnehmen müssen. Wir dürfen unsere Wünsche aussprechen, Grenzen setzen und Entscheidungen treffen. Aber wir können dem anderen seine Entscheidungen nicht abnehmen.

Also dürfen wir an dieser Stelle ins Vertrauen gehen.
Dies wird manchmal missverstanden. Als müssten wir einfach abwarten und hoffen, dass alles gut wird.

Ich glaube aber, dass Vertrauen an dieser Stelle etwas anderes bedeutet.

Zum Beispiel, anzuerkennen, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben, das wir nicht jede Situation kontrollieren können - und trotzdem können wir handlungsfähig bleiben.

Diese Handlungsfähigkeit besteht dann vielleicht darin, dass wir einen Schritt zurücktreten, dass wir uns gerade fragen: Was ist es, was ich jetzt brauche?
um Hilfe bitten? Kurz inne halten und eine Pause machen? Eine Entscheidung vertagen, bzw. akzeptieren, dass ich gerade nicht weiß wohin der Weg geht?

Der mutigste Schritt ist manchmal genau dieser:

Akzeptieren, dass gerade nichts zu tun ist.

Das gilt für unser Leben ganz allgemein und auch für unsere Beziehungen.

Oft sind wir aber genau das gewöhnt. Entscheidungen treffen und Lösungen finden. Wenn meine Angst größer ist als alles andere, fühle ich mich schnell bedroht und „muss“ ins Handeln kommen.

Ich möchte euch einladen in solchen Situationen mal etwas anderes auszuprobieren:

Einmal versuchen wahrzunehmen, was gerade geschieht. Ich habe Angst. Ok. Ich weiß gerade nicht weiter und ich wünschte mir, es wäre anders.

Und dann stellst du dir die Frage:
Was liegt gerade wirklich in meiner Hand und was nicht?

Diese Frage nimmt nicht die Schwierigkeit aus der Situation, aber sie könnte uns darin unterstützen, die eigene Kraft dort einzusetzen, wo sie tatsächlich etwas bewirken kann.

Nimm dir mal einen Moment Zeit und denke an eine Situation, in der du nicht weitergekommen bist, also vielleicht ein Gefühl der Ohnmacht hattest.

Was hat das Gefühl in dir ausgelöst?
Hast du versucht die Situation oder eine andere Person stärker zu kontrollieren?
Was hättest du in dem Moment gebraucht?
Welchen kleinen Schritt hättest du selbst gehen können?

Vielleicht entdeckst du dabei, dass du nicht völlig machtlos warst. Vielleicht gab es keine schnelle Lösung, aber dennoch eine Möglichkeit ein wenig für dich selbst zu sorgen?

Gefühle wie Ohnmacht gehören zum Leben dazu. Wir können nicht alles verändern, sicher nicht alles verstehen und auf jeden Frage eine Antwort haben.
Wir dürfen vielleicht lernen, Momente anders zu erleben.

Nicht: das ist der Beweis, dass wir versagt haben, sondern: als Einladung unsere Grenzen kennenzulernen und neue Wege zu entdecken.

Vertrauen beginnt dort, wo wir nicht mehr alles in der Hand haben - und trotzdem den nächsten Schritt finden werden.

Herzlich,

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Ich dachte, ich kenne dich!